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Offener Brief zur deutsch-belarussischen Kooperation im Bildungsbereich

Offener Brief
Von Peter Liesegang, dbg-Vorstandmitglied.

An alle Personen und Institutionen welche sich mit Finanzierung und Durchführung von Bildungsprojekten und -Kooperationen mit und für Belarus beschäftigen.

An die interessierte Öffentlichkeit
- Weiterleitung ausdrücklich erwünscht -

Deutsche Kooperations- und Austauschinitiativen im Bildungsbereich mit Personen und Einrichtungen in der Republik Belarus

Hintergrund
- Die Republik Belarus ist Mitglied der GUS, hat ca. 10 Millionen Einwohner und ist direkter Nachbar von 3 EU-Staaten (Lettland, Litauen und Polen).
- Das Land wird auf autokratische bis diktatorische Weise von Aleksander G. Lukashenka geführt.
- Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es zwischen 1991 und 1994 (1995) den Versuch einer Öffnung des Landes und seiner Strukturen hin zu demokratisch orientierten Prozessen und Institutionen. Damals bestanden äußerst günstige Bedingungen für eine Transformation (im Bildungsbereich gab es von deutscher Seite neben dem DAAD noch das Transform-Programm welches Projekte finanzierte).
- Seit Lukashenkas „Putsch von Oben" im November 1996 befindet sich das Land auf dem Weg zurück zu Verhältnissen, die sich denen im Stalinismus immer weiter angleichen.
- Gerade im ersten Viertel des Jahres 2006 (und darüber hinaus) ist mit einer weitreichenden Vertiefung der gesellschaftlichen Repressionen zu rechnen, da das Regime in „Präsidentenwahlen" am 19. März nach erneuter „Legitimation" sucht.
- Keine der Wahlen und Abstimmungen in Belarus in den letzten 10 Jahren wurden von der OSZE als ordnungsgemäß anerkannt.

- Das Regime zielt darauf ab, den Volkskörper gegen westliche Ideen und demokratische Viren zu impfen und möchte der Nation ein Immunsystem verpassen; Mittel hierzu ist eine zusammengewürfelte Staatsideologie.
- Hauptzielgruppe der „Impfung" ist die Jugend, Hauptinstrument sind die Bildungseinrichtungen in der Republik Belarus. (Nahezu sämtliche staatlichen Institutionen müssen hierzu ihren Beitrag leisten.)
- Auf offizieller staatlicher Ebene sind die Kontakte zwischen Deutschland (und der EU) und Belarus auf ein absolutes Minimum begrenzt.
- Auf gesellschaftlicher Ebene gibt es ein dichtes Netz deutsch-belarussischer Kontakte; bis zu 600 Organisationen auf deutscher Seite die sich hauptsächlich mit den Nachwirkungen von Tschernobyl, mit geschichtlicher Aufarbeitung und mit gesellschaftlichen Kontakten, besonders mit dem Besuch von Kindern, Jugendlichen und Interessierten, beschäftigen. Dieses gesamte Netzwerk wird
mittlerweile in seiner Arbeit mindestens gehemmt, da das Regime in Belarus in ihm ein Einfalltor schädlicher westlicher Einflüße erkannt hat.
- Deutsche Außenpolitik gegenüber Belarus ist Bestandteil der EU-Außenpolitik gegenüber Belarus. Sämtliche westliche (EU) Erklärungen zu Belarus des letzten Jahres eint der Ansatz die Kontakte mit dem Regime auf ein absolut notwendiges Minimum herunterzufahren, gleichzeitig aber die Möglichkeiten für Kontakte zwischen Einzelpersonen und Gruppen der Zivilgesellschaft weiterhin nicht nur zu ermöglichen sondern diese gezielt zu fördern.
- Von westlicher Seite soll expliziert eine Isolierung des Landes (verstanden als die Bürger und die Gesellschaft von Belarus) verhindert werden; mehr noch, es sollen Versuche unternommen werden, die vollständige Isolierung des Landes, d.h. der Bürger und der Gesellschaft, die das Regime anstrebt, zu verhindern, bzw. dieser durch die Aufrechterhaltung von Kontakten entgegenzuwirken.
- Insgesamt blieb der Ansatz der EU gegenüber Belarus lange Zeit eher diffus. Dies galt insgesamt, sowie im Besonderen für Kooperationen und Unterstützung im Bildungsbereich. In der EU laufen gegenwärtig viele Prozesse um den Ansatz gegenüber Belarus zu verstetigen.
- Deutschland war und ist einer der wichtigsten Partner von Belarus im Bildungsbereich: Wie aber sehen die Resultate dieser Kooperation aus? Einrichtungen der höheren (Aus-) Bildung in Belarus Aus der momentanen Realität in Belarus sind Universitäten, verstanden im europäischen Sinne, als Stätten der höheren Bildung mit einem existentiellen Grad an Unabhängigkeit in Forschung und Lehre, praktisch verschwunden. Jene Institutionen, die im heutigen Belarus „Universitäten" genannt werden, sind in den
vergangenen Jahren systematisch vom Staat zu Stätten höherer Ausbildung mit Schwerpunkt auf die „Erziehung" zu einem „guten" Staatsbürger im Sinne des belarussischen Regimes umgebaut worden.
Die präsidentielle Vertikale, die von Lukashenka bis hinunter zum Provinzrichter, oder zum Hauswart, reicht, ist in jedem Einzelfall, der das „akademische" Leben betrifft, faktisch die letzte Instanz.
Selbstverständlich gibt es auch an belarussischen „Universitäten" Inseln, Freiräume und akademisch arbeitende Einzelpersonen, Lehrstühle oder gar Einheiten. Dieses beruht aber in keinem einzigen Fall auf institutionellen Vorschriften, sondern vielmehr auf einer Duldung von oben, oder darauf, dass diese „Inseln" bisher schlicht übersehen worden sind.
Die Ideologisierungskampagne des Regimes läuft seit ca. 3 Jahren. Mittlerweile ist zu konstatieren, dass dasm,Regime den gesamten (staatlichen) Bildungsbereich instrumentalisiert hat, die Verantwortlichen ausreichend eingeschüchtert hat und/oder verantwortliche Andersdenkende erfolgreich verdrängt bzw. entfernt hat. Der Bildungsbereich ist „auf Linie" gebracht. Dies gilt insbesondere für die Einrichtungen der höheren Ausbildung, da das Regime hier (wohl zu Recht) das größte Gefahrenpotenzial vermutet.
Dieses bedeutet aber, übt man weiterhin die traditionellen Formen der Zusammenarbeit aus, muss man die Regeln des Systems akzeptieren; man läßt sich vom System instrumentalisieren. Bestandsaufnahme - belarussische Realitäten und Spezialitäten.

- Dem Regime unliebsame Bildungseinrichtungen wurden, ganz oder teilweise, zum größten Teil in den letzten drei Jahren, geschlossen. Die prominentesten Beispiele waren das Humanistische Lyzeum (2003) und die Europäische Humanistische Universität (2004), welche die einzige nichtstaatliche Einrichtung in Belarus war, die sich Universität nennen durfte. Das private Institut für Modernes Wissen musste 2005 seine Filalien in Witebsk, Brest und Hrodna schließen, seine Zentrale in Minsk musste einige Fakultäten schließen. Weitere Fälle kommen hinzu.
- Politisch auffällige Studierende werden zwangsexmatrikuliert. Anfang 2005 galt dies für ca. ein Dutzend Jugendliche in Zhodino, was sogar zu einem Hungerstreik führte. Prominentestes Beispiel hierzu ist Tatsiana Khoma, die Ende 2005 von der Belarussischen Staatlichen Ökonomischen Universität exmatrikuliert wurde, weil sie auf einem Treffen eines Europäischen Studentenverbandes ("ESIB - The National Unions of Students in Europe") in Frankreich in die Führungsebene gewählt wurde. Anfang Januar 2006 wies das Bildungsministerium von Belarus eine Beschwerde hierzu von Tatsiana Khoma ab.
- Jeder Einzelfall eines Studierenden der für ein oder zwei Semester im (westlichen) Ausland studieren möchte, muss vom Bildungsministerium genehmigt werden, ansonsten hat der Betroffene kein Recht, weiter an belarussischen „Universitäten" zu studieren. (Leider sind bereits Fälle bekannt, wo deutsche Stipendiengeber die Vergabe ihres Stipendiums an den belarussischen Studierenden von der Vorlage dieser ministeriellen Erlaubnis abhängig machen.)
- Laut Ministerverordnung vom 1. April 2004 haben sämtliche Kollektive an Bildungseinrichtungen (Schüler, Studenten, Lehrer, Professoren, Verwaltung) ihren patriotischen Beitrag an staatlichen Festivitäten und Paraden zu leisten.
- Ein Lehrstuhlleiter hat jede Woche darüber einen Bericht abzugeben, welche ideologische Arbeit er in der vergangenen Woche mit seinen Studierenden gemacht hat.
- Ausgesuchte Dozenten einer Universität werden als „Kuratoren" benannt, die sich um das „Wohl" der Studierenden zu kümmern haben; d.h. dass diese „Kuratoren" z.B. mindestens einmal pro Woche das Zimmer im Wohnheim besuchen, um sicherzustellen, dass die Studierenden keinen schädlichen Einflüssen unterliegen (Poster, Musik, PC, Filme, etc.). Damit sind sie wohl eine
besondere belarussische Form des „Vertrauenslehrers".
- Der Zugang zum Internet wird an Bildungseinrichtungen und in Wohnheimen streng kontrolliert. Das Aufrufen von „falschen" Webseiten kann geahndet werden.
- An der ersten „Universität" in Minsk wurde eine individualisierte elektronische Eingangsüberwachung installiert; welches nicht nur unliebsame Besucher fernhalten soll, sondern auch genau nachvollziehbar macht, wer wann anwesend, bzw. abwesend war.
- Die BRSM - die Belarussische Republikanische Union der Jugend - (der von Lukashenka gegründete Jugendverband, im Volksmund auch Lukashenka-Jugend genannt) erhält an sämtlichen Bildungseinrichtungen das Privileg die Schüler- und Studenten-„Selbstverwaltung" zu organisieren. BRSM Mitglieder werden in sämtlichen Bereichen bevorzugt. Oft ist von Zwangsmitgliedschaften
zu hören; dieses ist fast schon zur Norm geworden.
- Im Bereich der politischen Repression in Belarus ist die Sippenhaft seit langem wieder eingeführt worden. Die Eltern eines politisch aktiven Studenten müssen Repressalien am Arbeitsplatz befürchten; politisch aktive Eltern müssen um die Studienmöglichkeiten ihrer Kinder bangen. Bestandsaufnahme - Deutsch-Belarussische Kooperationen im Bildungsbereich
Nach dem Zerfall der Sowjetunion und u.a. aufgrund der bestehenden vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen zwischen Belarus und Deutschland haben sich Anfang der '90er Jahre die Kooperationen im Bildungsbereich zwischen Deutschland und Belarus recht zügig entwickelt. Aufgrund des eingeschlagenen Weges des belarussischen Regimes seit 1996 haben sich diese Kontakte jedoch wieder erheblich abgeschwächt.
Die meisten Kooperationen im Bildungsbereich bedürfen externer Finanzierung. Die Formen der Kooperationen die von verschiedenen Stellen unterstützt werden, lassen sich wie folgt einteilen:
- 1. Studierenden- und Dozentenmobilität aus Belarus nach Deutschland
- 2. Studierenden- und Dozentenmobilität aus Deutschland nach Belarus (eher gering)
- 3. Langzeitdozenten und - Lektoren aus Deutschland nach Belarus
- 4. Finanzielle Unterstützung von Studienprogrammen in Belarus
Die größte deutsche Organisation die Bildungskooperationen Deutschlands im und mit dem Ausland unterstützt ist der DAAD. Dies trifft auch im Falle von Belarus zu. Insbesondere werden vom DAAD Projekte aus der Gruppe 1 getragen, aber auch aus allen anderen Gruppen.
Die Robert-Bosch-Stiftung trägt Projekte aus den Gruppen 1 bis 3. Alle anderen Stiftungen, Organisationen, etc. finanzieren hauptsächlich vereinzelte Projekte. Projekte aus der Gruppe 3 werden nur vom DAAD und der Robert-Bosch-Stiftung getragen; Projekte aus der Gruppe 4 nur vom DAAD und es gab bis vor kurzem ein Projekt, welches von der IRZ Stiftung (Deutsche Stiftung für Internationale Rechtliche Zusammenarbeit) unterstützt wurde.
Daneben gibt es weitere vielfältige Projektunterstützung für Kooperationen die den Bildungssektor berühren, die eher dem zivilgesellschaftlichen Bereich zuzurechnen sind. Die Stipendienvergabe an belarussische Studierende nach Deutschland insgesamt befindet sich auf einem erfreulich hohem Niveau. Längerfristige deutsche Dozenten in Belarus gab es in den letzten Jahren im Durchschnitt 5-6, die vom DAAD gefördert werden, sowie 5, die von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert
werden. 3 dieser Dozenten waren bis zu deren Schließung an der EHU (Europäische Humanistische Universität) angesiedelt.
Im Bereich der Finanzierung von Studienprogrammen an belarussischen Hochschulen gab es zum Stand Mitte 2004 einen vom DAAD finanzierten Studiengang im Bereich Informatik, zusammen mit der Universität Mannheim, an der BGU (der Belarussischen Staatlichen Universität), sowie einen weiteren DAAD finanzierten Studiengang im Bereich Management an der EHU zusammen mit der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt(Oder). Darüber hinaus finanzierte die IRZ Stiftung einen Zusatzstudiengang
„Internationales Wirtschaftsrecht", ebenfalls an der EHU.
Einschneidend aus deutscher Sicht war die im Juni 2004 vom belarussischen Regime verordnete Zwangsschließung der EHU in Minsk. Als Konsequenz dieses Schrittes wurden 2 DAAD Dozenten und eine Bosch-Lektorin die vorher an der EHU waren an staatlichen Unis angebunden - die Bosch-Lektorin verbleibt jedoch mit einer halben Stelle auch am Institut für Deutschlandstudien am CfIS, welches früher an der EHU war -, die IRZ Stiftung ist sich nicht sicher ob ihre Unterstützung für den Zusatzstudiengang
weitergehen kann, und der DAAD läßt die finanzielle Unterstützung für den Management Studiengangauslaufen.
EHU / E.H.U. International
Mittlerweile ist die EHU als juristische Person in Belarus vollständig liquidiert. Frühere Bestandteile der  EHU bestehen aber in Minsk fort, an Institutionen mit anderem Namen: die Bibliothek, der PC Pool, die meisten Mitarbeiter, etc. Die E.H.U. International als Bildungseinrichtung nach litauischem Recht gibt es seit mehreren Monaten in Vilnius. In der näheren Zukunft soll sie den Status einer litauischen Universität erhalten. Zum Wintersemester 2005/06 sind etliche Kurse angelaufen. Studenten werden in bodenständigen Studiengängen in Vilnius unterrichtet, sowie in postgradualen Angeboten in Minsk, in Vilnius und per
Internet. Auf die in Minsk verbliebene Infrastruktur wird dabei zurückgegriffen.
Seit Oktober 2005 haben einige Fakultäten der EHU ihre Arbeit wiederaufgenommen. Es gibt 170 Undergraduate und 100 Magister-Studenten. Der Unterricht wird von belarussischen Professoren in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern geleistet. Dies bietet die Möglichkeit, die spezifische belarussische Realität im Studium zu thematisieren.
Das EU-Parlament hat in zwei Resolutionen an die Mitgliedsstaaten appeliert, die EHU zu unterstützen. Die EU-Kommission und das Nordic Council of Ministers haben am 29. Dezember 2005 einen Vertrag über die finanzielle Unterstützung der EHU unterzeichnet. Einige Länder (z.B. Schweden, Holland, Luxemburg) arbeiten jetzt an spezifischen Projekten.
Die ausländischen Institute an der EHU, die Französich-Belarussische Fakultät, das Institut für Deutschlandstudien (IfD) und das Schwedische Center bestehen weiterhin in Minsk und sind, unter dem Dach des zu diesem Zweck gegründeten „Center for International Studies", rechtlich eine juristische Person belarussischen Rechts. Eigene Programme sind seit einigen Monaten angelaufen, auch ist dort am IfD der deutschsprachige Management-Studiengang, der zusammen mit der Europa-Universität Viadrina organisiert wird, verortet. Diese Programme verstehen sich weiterhin in der Tradition der EHU und stellen einen Teil
des virtuellen Netzwerkes der EHU dar.

Kritik / Anregungen
Am Anfang dieses Abschnitts sei Folgendes angemerkt:
- Jede Form von Unterstützung für die Mobilität von belarussischen Studierenden und Dozenten nach Deutschland (oder in ein anderes Land) ist ausdrücklich zu unterstützen. Dazu sollten die hierzu zur Verfügung stehenden Programme und Mittel sogar noch beträchtlich ausgeweitet werden, da dies eines der sinnvollsten Mittel ist um die vom Regime verhängte Informationsblockade zumindest zum Teil zu durchlöchern und um den immer weiter verbreiteten Ideologie-Platitüden die Realität entgegenzusetzen.
- (Fast) jeglicher Kontakt im Bildungsbereich zwischen dem Ausland und Belarus ist als positiv zu bewerten. Es kann nicht darum gehen, bestehende Kontakte und Kooperationen und deren Finanzierung zu reduzieren oder gar einzustellen. Die institutionalisierte Förderung von deutscher Seite für deutsche Bildungsprojekte und Kooperationen konzentriert sich zum jetzigen Zeitpunkt auf Projekte an und Kooperationen mit den staatlichen Einrichtungen höherer Bildung in Belarus. Institutionalisierte Förderungen für Projekte an und mit nichtstaatlichen Einrichtungen höherer Bildung sind mittlerweile am Auslaufen oder sind an staatliche Einrichtungen verschoben worden. - Die einzig verbliebene institutionalisierte Förderung ist die des Förderprogramms Belarus für einige der Kosten des IfD, sowie die von der Robert-Bosch-Stiftung finanzierte halbe Dozentenstelle ebenfalls am IfD.
Westliche Stipendiengeber müssen mittlerweile darauf hoffen, dass ihre Stipendiaten auch die Erlaubnis erhalten, nach dem Auslandsaufenthalt, in Belarus den Studienabschluss machen zu dürfen. Trotzdem wird von Seiten einiger der Geberorganisationen versucht, über Verhandlungen mit dem Regime, annehmbare Bedingungen für „ihre" Stipendiaten zu erlangen.
Bei der jetzigen oben geschilderten Lage im belarussischen Bildungssektor ist es an der Zeit, dass sich jeder, der dort aktiv ist, einige Fragen stellt:
Wie sollen im Allgemeinen die Formen der Zusammenarbeit im Bildungsbereich in Zukunft aussehen, ohne dass man sich vom Regime instrumentalisieren läßt? Wo sind die Grenzen, ab denen es für Vertreter Deutschlands nicht mehr hinnehmbar sein wird, nach den Regeln des belarussischen Regimes zu handeln? Kann es sich Deutschland leisten, dass fast sämtliche institutionalisierte Förderung im Bereich der zwischenstaatlichen Kooperationen im höheren Bildungswesen mit staatlichen Einrichtungen abgewickelt wird; und dies bei einem politischem System, wie es derzeit in Belarus herrscht? Sollte nicht vielmehr über die bestehenden Kooperationen hinaus nach anderen, neuen und innovativen Möglichkeiten gesucht werden, ohne das Diktat der staatlichen Bildungseinrichtungen, sinnvolle und für die belarussischen Studierenden und Akademiker fruchtbare Kooperationen und Projekte zu realisieren? Kann es die Aufgabe der deutschen (oder anderen) Geberorganisationen sein, von den potenziellen
Stipendiaten eine Genehmigung des Regimes für ihren Auslandsaufenthalt zu verlangen, oder sollte man nicht eher von einer solchen Voraussetzung absehen, da diese Genehmigung grundlegenden rechtsstaatlichen Prinzipien widerspricht und es dem Regime den direkten Einfluss auf die Auswahl der Austauschstudenten gibt; darüber hinaus muss man doch davon ausgehen, dass es sich bei den potenziellen Stipendiaten um erwachsene Menschen handelt, die die Konsequenzen ihres Handelns, d.h. eines Antrags auf einen Auslandsaufenthalt, innerhalb des in ihrem Heimatlandes real existierenden Systems selber abschätzen können, und dass es nicht Aufgabe der Geberorganisation sein kann, das Regime auf einen Auslandsaufenthalt eines Studenten noch zusätzlich aufmerksam zu machen? Sollte man dann nicht in Erwägung ziehen, Projekte und Programme für Belarussen im angrenzenden Ausland durchzuführen, wenn gewisse Formen der gemeinsamen Projekte und Kooperationen im höheren
Bildungswesen im Land nicht mehr möglich sein sollten? Falls ja, müsste dies jetzt bereits geplant werden? Es ist offensichtlich, dass nicht damit zu rechnen ist, so lange das momentane Regime an der Macht ist, dass sich die Lage im Land, und damit die Lage im Bildungswesen, verbessert. Im Gegenteil, man muss davon ausgehen, dass die Situation stärker repressiv wird, dass das Regime weiter über Ideologisierung und Zweckentfremdung des Bildungswesens versuchen wird, die Bevölkerung „auf Linie" zu bringen, oder „auf Linie" zu halten. Unabhängig davon, wo eine jede deutsche (westliche) Organisation ihre eigenen
Schmerzgrenzen ansetzt, ist davon auszugehen, dass sich die Situation in der kommenden Zeit weiter diesen Grenzen annähren, oder sie sogar überschreiten wird.

Dies ist ein Plädoyer dafür, jetzt darüber nachzudenken, auf welche andere Weise man mit, in und für Belarus im Bildungsbereich, speziell in der höheren Bildung, kooperieren kann, welche Sorte von Projekten weiterhin sinnvoll sein kann, wie diese umgesetzt werden können, und welche vorbereitenden Maßnahmen jetzt bereits getroffen werden können.
Einige Anregungen:
- Man sollte sich darüber klar werden, dass man sehr bald an Grenzen stoßen wird, wenn dies nicht schon längst geschehen ist, was die Sinnhaftigkeit von Kooperationen und Projekten mit staatlichen Einrichtungen der höheren Bildung in Belarus anbetrifft (besonders im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich).
- Solange es noch in Belarus möglich ist, sollte versucht werden, Bildungsprojekte im Land zu unterstützen, die sich an nichtstaatlichen Einrichtungen befinden oder die unter ausländischer Trägerschaft laufen. Die im CfIS zusammengeschlossenen Bildungsprojekte sind ein Beispiel, dass dies (noch) funktioniert.
- Wenn es aus Gründen der engen Auslegung der eigenen Regularien einer Organisation wie z.B. dem DAAD nicht möglich ist, solche Projekte zu unterstützen, weil im Regelfall und aus verständlichen Gründen im Gastland nur mit der Einwilligung der staatlichen Stellen kooperiert wird, so wäre darüber nachzudenken, andere Formen der Finanzierung und der Trägerschaft zu prüfen.
- Schon jetzt ist zu prüfen, bei welchen Vorhaben und Projekten eine Anbindung oder/und Durchführung außerhalb von Belarus Sinn machen kann. Beispiel hierfür können Bildungsprojekte sein, die über die E.H.U. International in Vilnius für Belarus angesiedelt sind und welche entweder in Belarus, in Litauen oder auch in Polen durchgeführt werden.
- Da es sich um eine außergewöhnliche Situation in Belarus handelt, die besondere Antworten verlangt, wäre es begrüßenswert, wenn die deutschen staatlichen Stellen (Auswärtiges Amt, Bildungsministerium, Bildungsministerien der Länder, etc.) die Wünschenswertigkeit einer Ausdehnung der deutschen Bildungskooperation mit Belarus auf andere als die tradierten Bereiche
explizit betonen und kommunizieren würden, gerade weil sich andere deutsche Geldgeber möglicherweise in dieser spezifischen Situation unschlüssig oder unsicher sind.
- Eindeutig sinnvoll ist die Finanzierung von Stipendien für belarussische Studierende zum temporären Studium im Ausland. Man sollte diese noch erheblich auszudehnen. Aber: Der Betroffene ist erwachsen und weiß selber am ehesten über die Risiken bescheid die für ihn damit verbunden sein können - während der Antragstellung oder nach der Rückkehr aus dem Ausland.
Hier bedarf es keiner unterstützenden Negativ-Selektion durch deutsche Einrichtungen. Bei diesen Programmen sollte selbstverständlich darauf hingewirkt werden, dass die Austauschstudenten nicht dauerhaft im Ausland verbleiben. Allerdings ist bei einer solchen Absicht eines Austauschstudenten flexibel zu verfahren, insbesondere aus dem Grunde, dass das Regime in Belarus zur Zeit autoritär bis totalitär ist und daher gute und anzuerkennende Gründe für Studenten bestehen könnten, sich nach ihrem geplanten Austauschjahr bzw. ihrem Stipendium gegen eine Rückkehr nach Belarus wegen drohender Repressionen, etc. zu entscheiden.
Es sei nochmals betont: dieser Diskussionsbeitrag ist nicht als Anregung gedacht, bestehende Projekte zu verringern oder gar einzustellen. Im Gegenteil: es ist ein Plädoyer, die Kooperationen und Projekte mit und für den Bildungsbereich in Belarus gerade jetzt auszudehnen und verstärkt zu finanzieren, dies aber, aufgrund des speziellen Charakters der staatlichen Einrichtungen höherer Bildung in Belarus, eher außerhalb des staatlich überwachten und administrierten Bildungswesens in Belarus. Gibt man den Gedanken auf, dass man im Hochschulbereich nur sinnvoll mit Einrichtungen kooperieren kann, die vom dortigen „Staat"
anerkannt sind (wieso sollte man sich eigentlich ausgerechnet in diesem sensiblen Bereich auf die Anerkennung des von der staatlichen Gewalt eingerichteten Bildungssektors verlassen, wenn, mittlerweile, die staatliche Gewalt von Belarus insgesamt als illegitim angesehen wird?), so eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten, ziel- und ergebnisorientiert Bildungsarbeit in und für Belarus zu machen.
Ein gutes Beispiel für bestehende deutsch-belarussische Kooperationen bietet die Universitäts-Partnerschaft zwischen der Viadrina und der EHU / E.H.U. International, welche sich von deutscher Seite aus im Sinne sinnvoller Bildungsarbeit in, mit und für Belarus noch beträchtlich ausweiten ließe. Ein weiteres Beispiel ist das Institut für Deutschlandstudien, welches mit seinen Programmen in diesem Gesamtzusammenhang wesentlich mehr Unterstützung von deutscher Seite erfahren könnte, als dies zur Zeit der Fall ist.

Peter Liesegang
Vorstandsmitglied der deutsch-belarussischen-gesellschaft e.V.
Mitarbeiter der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt(Oder)

Lesenswert:
1) Artikel aus der taz vom 04.01.2006
http://www.taz.de/pt/2006/01/04/a0210.nf/text.ges,1
2) Chaillot Paper 85, Changing Belarus, Institute for Security Studies, European Union
Abschnitt "The Subdoing of Society", Seite 35ff, ab zweiter Abschnitt
http://www.iss-eu.org/chaillot/chai85.pdf

Im Online-Forum der dbg haben wir zu diesem Thema eine Diskussion eröffnet und laden Sie herzlich zur Teilnahme ein.

Dieser Brief als PDF, siehe unten.

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20. Januar 2006 in Projekte

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