Am 2. Juli 2009 wird im Rahmen eines feierlichen Gedenkaktes ein Mahnmal für die während der deutschen Besatzung ermordeten Patienten des Psychiatrischen Krankenhauses enthüllt. Das Mahnmal erinnert an etwa 1.200 Menschen, die zwischen September 1941 und Januar 1942 Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“- und Vernichtungspolitik im besetzten Mogilew geworden sind. Sie wurden auf verschiedene Weise ums Leben gebracht, vorwiegend durch Vergasung und Erschießen. Es handelt sich um das erste Mahnmal für ermordete Psychiatriepatienten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.
Mit dem Mahnmal wird einer Opfergruppe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht, die sowohl in Deutschland wie in Weißrußland zu den „vergessenen“ Opfern des Nationalsozialismus gehören.
Die Errichtung des Mahnmal beruht auf einer langjährigen partnerschaftlichen Beziehung zwischen der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg und dem Psychiatrischen Gebietskrankenhaus in Mogilew. Es ist Ergebnis einer intensiven deutsch-belorussischen Zusammenarbeit unter Einbeziehung von Bürger/innen der Stadt und einer Gruppe von Geschichtsstudenten der Pädagogischen Hochschule in Mogilew.
Im Rahmen eines künstlerischen Wettbewerbs wurde der Mahnmalsentwurf des jungen Mogilewer Bildhauers Alexander Minjkow ausgewählt und realisiert. An der Enthüllungsfeier nehmen eine deutsche Delegation, der Konsul der Deutschen Botschaft in Minsk, der Vorsitzende des Exekutivkomitees des Gebietes Mogilew sowie Leitung und Mitarbeiter des Psychiatrischen Gebietskrankenhauses Krankenhauses und Bürger/innen der Stadt Mogilew teil.
Das Mahnmal wurde errichtet mit finanzieller Unterstützung der Bundesärzteärztekammer, der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und vieler privater Spenden.
Unterstützt wurde die Vorbereitung durch den IBB Dortmund, die Deutsch-Belarussische Gesellschaft und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Projektträger auf deutscher Seite sind die Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, Direktor Prof. Dr. Christoph Mundt, zusammen mit dem dortigen Institut für Geschichte der Medizin, das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München und der Arbeitskreis Weißrußland der ev. Kirchengemeinde Rheinstetten.
Projektpartner auf weißrussischer Seite ist das Psychiatrische Gebietskrankenhaus Mogilew und die Gesundheitsverwaltung des Gebietes Mogilew.
Historischer Kontext
In den Jahren 1939 bis 1945 sind im deutschen Herrschaftsgebiet etwa 300.000 Menschen unter dem beschönigenden Begriff der „Euthanasie“ ermordet worden. Zu den Opfern zählen die Patienten von Psychiatrischen Krankenhäusern, die Pfleglinge in Behinderteneinrichtungen und Altersheimen ebenso wie eine bisher unbekannte Zahl von Kindern und Jugendlichen.
Mit dem Krieg, dem Überfall auf Polen im September 1939, begannen auch die Morde an Psychiatriepatientinnen und -patienten in den besetzten Gebieten, ab Sommer 1941 auch auf dem Gebiet der Sowjetunion.
Im Juli 1941 eroberte die deutsche Wehrmacht Mogilew. Bereits beim Einmarsch starben „einige“ Kranke des hiesigen psychiatrischen Krankenhauses. Auch verhungerte in der folgenden Zeit eine unbekannte Zahl von Patientinnen und Patienten. Anfang August 1941 folgte der Wehrmacht das „Einsatzkommando VIII“ mit etwa 90 Mann, das Mogilew zu seinem Standort machte und später unter anderem für die Ermordung von etwa 1200 Patientinnen und Patienten verantwortlich wurde.
In der psychiatrischen Klinik und in der landwirtschaftlichen „Kolonie“ in Mogilew lebten in den ersten Septembertagen 1941 um 900 als psychisch krank oder behindert diagnostizierte Menschen.
Der Klinikdirektor Dr. Klipzan wurde wohl aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet, als neuer Leiter wurde Dr. A. N. Stepanow eingesetzt. Bald erhielt dieser den Auftrag, Listen mit den Namen aller Patientinnen und Patienten zu erstellen. Unterschieden wurden „arbeitsunfähige“ von „arbeitsfähigen“ chronisch Kranken, sowie als dritte Gruppe Frischerkrankte, deren Prognose noch unklar erschien.
Wenig später suchte eine Gruppe von hochrangigen SS-Offizieren einen Raum aus, in dem Vergasungen von Patientinnen und Patienten durchgeführt werden sollten. Ausgewählt wurde ein Raum der „Sanatoriumsstation“ im Gebäude 10.
Dann wurde eine Probevergasung an einzelnen Patienten durchgeführt, während der auch eine kurze Filmsequenz entstand. Die Patienten wurden in den vorbestimmten Raum geführt, anschließend wurden aus zwei PKW und schließlich auch einem LKW Abgase in den Raum geleitet, bis die Opfer qualvoll erstickten. An dieser Probevergasung war – auf Veranlassung von Heinrich Himmler - auch Dr. Albert Widmann, Chefchemiker des Kriminaltechnischen Instituts im Reichssicherheitshauptamt, beteiligt, der nach dem Krieg in Stuttgart führender Chemiker einer Lackfabrik wurde, bevor man ihn 1959 verhaftete.
Ende September/Anfang Oktober 1941 wurden etwa 850 vor allem chronisch kranke und arbeitsunfähige Patientinnen und Patienten vergast. Jüdische Ghettobewohner aus Mogilew mußten die Ermordeten in Massengräbern bei Polykowitschi verscharren. Im November lebten noch 217 Patienten in der Klinik, bis Ende November war ihre Zahl wieder auf 279 gestiegen. Die zweite Mordaktion fand im Januar 1942 statt. Die letzten Überlebenden Patienten, sowohl aus der Klinik als auch aus der landwirtschaftlichen Kolonie, insgesamt über 250 Menschen wurden durch Erschießen oder auch durch Handgranaten hingerichtet.
Danach wurde das Gebäude von den Deutschen als Militärhospital genutzt.
Georg Frentzel, Kraftfahrer im Einsatzkommando VIII, Zitate aus den Ermittlungsakten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR:
„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ein einzigstes Mal darüber nachgedacht habe, ob dass Vorgehen der Angehörigen des Einsatzkommandos VIII – wobei mein eigenes Wirken mit inbegriffen ist – überhaupt richtig ist.“
„Durch ihre Krankheit waren diese Menschen mit ‚ungesunden Erbanlagen’ behaftet, somit minderwertig, arbeitsunfähig und stellten außerdem nutzlose Esser dar.“ (25.8.1970)
„Ich hielt alles für notwendig und erforderlich, um den ‚Sieg’ in den besetzten Gebieten zu garantieren. Wie ich ebenfalls schon aussagte, wurde uns von Angehörigen des Einsatzkommandos VIII, woran ich beteiligt war, sowjetische Bürger durch Erschießen, Vergiften oder Erhängen hingerichtet. Meiner Auffassung nach war es doch gleich, auf welche Weise man solche Personen hinrichtete. Dagegen war es die Hauptsache, dass alles mit Erfolg durchgeführt werden konnte.“ (25.8.1970)
Kontakt
Roswitha Lauter
Klinik für Allgemeine Psychiatrie
Universitätsklinikum Heidelberg
Tel. 06221/5639838
Roswitha.Lauter@med.uni-heidelberg.de
Dr. Gerrit Hohendorf
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Technische Universität München
Tel. 089/4140-4041
hohendorf@gesch.med.tum.de
München und Heidelberg, den 19.6.2009