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Bericht: Kulturreihe "Partisanen, Punks und Paranoia. Weißrussische Kultur entdecken"

Artur Klinau und Taciana Arcimovic im Gespräch mit Andreas Rostek: Ausstellungseröffnung "Partisanen – Gegenkultur aus Belarus"

„Es ist wichtig, dass man in Deutschland solche Veranstaltungen wie diese macht. Damit die Leute im Westen merken, dass wir keine seltsamen Exoten sind, sondern dass die belarussische Kultur ein bedeutender Teil Europas ist.“ Diesen Satz sagte der belarussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch bei der Abschlussveranstaltung der Kulturreihe „Partisanen, Punks und Paranoia – Belarussische Kultur entdecken“. Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) und die Deutsch-Belarussische Gesellschaft e.V. (dbg) hatten zwischen dem 30. September und 14. Oktober 2014 in den Berliner Club der Polnischen Versager eingeladen, um den Gästen einen bunten Einblick in das vielfältige Kulturleben von Belarus zu geben.

„Kultur schafft Freude, Spannung und Identität. Kultur ist bedeutsam, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen“, hieß es in der Ankündigung der Kulturreihe, die u.a. vom German Marshall Fund of the United States (GMF) unterstützt wurde. Kunst und Kultur aus Belarus sind in Deutschland wenig bekannt; Vorstellungen über das Land sind von vielen Stereotypen geprägt. Dabei ist Belarus viel mehr als ein „Freilichtmuseum des Sozialismus“ oder als die „letzte Diktatur Europas“.

Bei der Eröffnungsveranstaltung erläuterten der Künstler Artur Klina? und die Chefredakteurin der Kunstzeitschrift „pARTizan“, Taciana Arcimovich, den Gästen das Kunstkonzept der zeitgenössischen Untergrundkultur und das Konzept des belarussischen Kulturpartisanen. Klina? hatte hierzulande bereits mit seinem bei Suhrkamp erschienenen Buch „Minsk. Sonnenstadt der Träume“ für Furore gesorgt. Den Kulturpartisanen hatte Klinau in seinem Buch „Partisanen. Kultur_Macht_Belarus“ beschrieben, das in diesem Jahr im Berliner Verlag edition.fototapeta erschienen ist. Nach der Gesprächsrunde wurde eine kleine Ausstellung eröffnet, die Collagen, Bilder und Fotos aus dem zehnjährigen Wirken der Zeitschrift „pARTizan“ zeigte.

Am Abend vor dem „Tag der Deutschen Einheit“ begrüßten wir den bekannten belarussischen Rockmusiker Ljavon Volski, der in seiner Heimat aufgrund seiner offenen kritischen Haltung gegenüber dem Regime des Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka nicht mehr auftreten darf. In einem akustischen Programm bot Volski, dessen Lieder in Belarus Hymnen der Andersdenkenden sind, einen fulminanten Querschnitt seines Schaffens aus drei Jahrzehnten. So bekamen die Zuhörer Lieder von den Bands Mroya, N.R.M. und Krambambulya zu hören, wie auch Songs aus Volskis Soloprojekten. Zum letzten Song des Abends, „Try Charapachi“ (Drei Schildkröten), sang und tanzte das Publikum.

Bei der dritten Veranstaltung, am 6. Oktober 2014, ging es zurück in die Geburtsstunde der modernen belarussischen Literatur - in das Jahr 1919, als der Schriftsteller Maxim Harezki seinen Roman „Zwei Seelen“ veröffentlichte. In dem Buch, das zu den Schlüsselwerken der belarussischen Moderne gezählt wird, erzählt Harezki die Geschichte eines jungen Adligen, der sich hin- und hergerissen zeigt – zwischen der aufkommenden belarussischen Nationalbewegung und der aus Russland kommenden bolschewistischen Revolution. Der Roman erschien in diesem Jahr in dem neu gegründeten Berliner Guggolz Verlag in einer Übersetzung des bekannten Slawisten Norbert Randow (in Zusammenarbeit mit Gundula und Wladimir Tschepego). Randow, der im vergangenen Jahr verstorben ist, galt als Doyen der belarussischen Literatur in Deutschland. Die Lesung einiger Auszüge aus dem Roman übernahm an diesem Abend die bekannte Berliner Schriftstellerin Iris Hanika („Treffen sich Zwei“).

Bei der letzten Veranstaltung trafen die Zuhörer auf den Schriftsteller Martinowitsch, der in Belarus zu den bekanntesten Autoren seiner Generation gehört. Er stellte seinen Roman „Paranoia“ vor, mit dem er 2009 in Belarus debütierte und der kurz nach seinem Erscheinen verboten wurde. Das Buch erzählt die tragische Liebesgeschichte eines jungen Paares in einem Polizeistaat, das auf eine harte Probe gestellt wird. Thomas Weiler hat das Buch für den Verlag Voland & Quist ins Deutsche übertragen. Nach dem Gespräch mit Martinowitsch kam es zu einem regen Austausch mit dem Publikum, das sich besonders für die politische Bedeutung der belarussischen Sprache interessierte.

Alle vier Veranstaltungen waren gut besucht. Mit diesen Veranstaltungen können wir abseits der üblichen politischen Diskussionen um Belarus den Fokus auf eine starke zeitgenössische Kultur richten, die es verdient, als Teil der europäischen Vielfalt respektiert und rezipiert zu werden. So erreicht man mitunter auch ein jüngeres Publikum, das sich besonders für das Kulturleben osteuropäischer Länder wie Belarus interessiert.

Ingo Petz
Vorstandsmitglied der dbg und Organisator der Veranstaltungsreihe

 


 

Die Veranstaltungen der Reihe "Partisanen, Punks und Paranoia!":

17. Dezember 2014 in Veranstaltungen der dbg, Kultur

Kommentare

mes

8. Juni 2017 von Anonym, vor 32 Wochen 5 Tagen
Kommentar ID:165

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