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Ihar Alinevich: Menschen sind für unsere Regierung nur Verschleißteile

Ausschnitt aus dem Gefängnistagebuch des Anarchisten und politischen Gefangenen Ihar Alinevich
Mit freundlicher Genehmigung übersetzt in Deutsche für den Newsletter Antipropaganda News  

 

 

 

 

Belarus ist ein Familienkonzern mit einem Jahresumsatz von ein paar Dutzend Milliarden Dollar. 

Nur zum Vergleich: Intel macht jährlich 15 Milliarden Dollar Umsatz, Apple 45 Milliarden Dollar. Das Unternehmen wird von einem Vorstand geführt, der sich aus Ministern und Leitern von Ausschüssen am Ministerrat zusammensetzt. Sie sind nicht die Eigentümer des Unternehmens, sie gehören lediglich zum Topmanagement und jeder von ihnen kann schon Morgen mit leeren Händen dastehen.

Denn es gibt nur einen wirklichen Chef im Unternehmen und das ist die Familie. Zum mittleren Management, das die Unternehmensprojekte implementiert und über eine gewisse Macht verfügt,  gehören rund Tausend Personen. Die Basis bildet das ausführende Personal, das die Unternehmensprojekte im Land umsetzt. Diese Basis besteht aus rund 90 Tausend Funktionären – sie sind die Führungselite des Landes.


Die Basis hat zwei grundlegende Unternehmensaufgaben zu erfüllen:

  1. Sie kümmert sich um das Berichtwesen und die Kontrolle sowie die Erhebung von Steuern für alle unternehmerische Tätigkeit im Land. 
  2. Sie sichert die Unversehrtheit des Unternehmens und organisiert zugleich die dafür notwendige soziale Unterdrückung.

 

Zu den lukrativsten Branchen im Land zählen die Verarbeitung und der Verkauf russischen Erdöls, der Vertrieb von Erdölprodukten und Kalidünger, der Maschinenbau, die Milchindustrie und die chemische Industrie. 80 Prozent der Wirtschaft liegen in staatlicher Hand, nur 20 Prozent sind in Besitz privater Investoren. Grundsätzlich arbeiten private Unternehmen viel effektiver als staatliche, aber die Familie unterdrückt jegliches Wachstum der Privatwirtschaft. Denn es ist viel einfacher, staatliche Betriebe zu bestehlen. Die wichtigsten Wirtschaftszweige gehen direkt an nahe Familienmitglieder. Gleichzeitig kann das Unternehmen so auch den Interessen der Basis gerecht werden, deren Mitglieder als Dank für ihre Loyalität einen Teil des Kuchens fordern. Das Ergebnis sind Veruntreuung, Vetternwirtschaft und die Verteilung von Schmiergeldern und Unteraufträgen an die Basis. 

Das System funktioniert ausgezeichnet und die Familie hat sich damit arrangiert. Eine zunehmende Privatisierung hätte zudem den entscheidenden Nachteil, dass die Zahl der privaten juristischen Personen und individuellen Unternehmer wachsen würde – der ‚Bourgeoisie’. Und da die Bourgeoisie grundsätzlich nicht bereit ist, ihre Gewinne mit irgendwem zu teilen, versucht sie dem Joch des Familienunternehmens zu entkommen und stellt deshalb eine Gefahr für die Familie dar. Sie verfügt über Fähigkeiten, einen Willen und die notwendigen Mittel – und versucht sich mit liberalen, politischen Kräften (der Opposition) und/oder mit Teilen des Unternehmens zu verbünden. Ihr Ziel ist es, die Familie zu stürzen und liberale Herrschaftsstrukturen wie ein Parlament einzuführen. Dennoch kann die Familie die Bourgeoisie nicht liquidieren, denn ihr Handel stopft zahlreiche Löcher in der Wirtschaft.  

Ganz unten in der Hierarchie befindet sich die belarussische Bevölkerung. Sie verfügt über gar kein Eigentum und hängt am Tropf des Staates und seiner Unternehmen. Ab und an bereitet sie dem Familienkonzern Kopfschmerzen, weil sie soziale Sicherung einfordert, das heißt Gehälter, Ermäßigungen, medizinische Versorgung, Infrastruktur, Bildung und Freizeitmöglichkeiten. Doch die wahren Probleme beginnen, wenn die Masse unzufrieden wird. An und für sich ist die Unzufriedenheit der Bevölkerung kaum ein Grund zur Besorgnis, denn sie lässt sich leicht mithilfe der Sicherheitskräfte unterdrücken, und in Belarus sind 14,5 Personen pro 1000 Einwohner allein beim Innenministerium tätig. Das Unternehmen sorgt sich aber, dass Bourgeoisie und Opposition sich die Unzufriedenheit der Masse zunutze machen könnten. Folglich ist man darum bemüht, jedes Anzeichen einer Zivilgesellschaft im Keime zu ersticken. Um keinen Preis will die Familie zulassen, dass sich stabile liberale Kräfte formieren. Deshalb werden Bourgeoisie und Opposition mit Strafen, Entlassungen oder Wirtschaftsprüfungen schikaniert.  

Die Sorgen der Bevölkerung sind für die Familie so etwas wie ein Dauerthema. Unzufriedenheit ist nur der Anfang, denn der Logik nach folgen darauf Unruhen, Streik, Aufstand, Revolution. Noch mehr als vor dem Einfluss liberaler Ideen auf die Masse fürchtet sich das Unternehmen vor der Enttäuschung über alle Autoritäten. Denn dann würde die Bevölkerung erst verstehen, dass alles von ihr selbst abhängt, und dass die Funktionäre und Beamten ohne den einfachen Arbeiter nichts sind. Wenn die Bevölkerung ihre eigene Stärke erkennen würde, würde sie zu einer sozialen Gemeinschaft werden, die selbstbewusst ist und die eigenen Rechte und Interessen kennt. Und dann – wehe jeder Form von Herrschaft!   

Politiker aller Zeiten betrachteten die nationale Spielkarte mit einer gewissen Besorgnis, denn der Kartenwert ist die soziale Revolution. Und diese ist durch nichts zu beschwichtigen, außer durch den gewaltsamen Terror. Diese Erfahrung mussten während der Französischen Revolution die Bonapartisten machen, wie auch später die Bolschewiki. Kein Wunder, dass Lenin und Trotzki behaupteten, der Volksaufstand könne ihnen gefährlicher werden, als alle weißen Garden! 

Aus diesem Grund unternimmt das Unternehmen alles, damit die Bevölkerung gegenüber der Politik weiterhin gleichgültig eingestellt bleibt. Deswegen gehören soziale Unterdrückung und eigene Unversehrtheit zu den wichtigsten Unternehmensaufgaben. Das Unternehmen beschäftigt sogar wissenschaftliche Institute, die untersuchen, wie sich konjunkturelle Schwankungen auf die Gemüter der Masse auswirken. Durch Manipulation bestimmter Wirtschaftsindikatoren gelingt es dem Familienkonzern Jahr für Jahr, die Apathie in der Bevölkerung auf einem konstanten Level zu halten.Durch die soziale Unterdrückung lassen sich der Bevölkerung zudem folgende Werte aufzwingen:

  • Konformismus – das heißt, dass Menschen Angst haben oder sich schämen, anders zu denken als andere;
  • Konsum – das heißt, dass persönlicher Wachstum vom Besitz materieller Güter abhängt;
  • Nationalpatriotismus – das heißt, dass jeder Einzelne die Symbole des Unternehmens liebt, sich eins fühlt mit der Nation, sich mit der herrschenden Klasse identifiziert und die Bevölkerungen anderer Länder als Feinde betrachtet.

 

Zur sozialen Unterdrückung gehört auch, dass das wirtschaftliche Defizit künstlich aufrecht erhalten wird, so dass jeder Einzelne monatlich gerade so über die Runden kommt. Durch sie wird weiterhin das Gefühl bei der Bevölkerung konserviert, von inneren und äußeren Feinden umgeben zu sein, so dass niemand nach den tatsächlichen Probleme und Ursachen fragt.

Zu diesen gefährlichen Werten, die das Unternehmen der Bevölkerung aufoktroyiert, kommen die tägliche Gehirnwäsche durch die Massenmedien und die aktive Förderung von Alkoholismus und Drogensucht. Alkoholismus ganz legal durch die Monopolisierung des Verkaufs von Alkohol; Drogensucht nicht ganz so legal durch Schutzgelderpressungen bei Labors und den Aufbau von Lieferkanälen und Dealer-Netzwerken. Ja, genau so! Beides spült große Einkünfte in die Kassen und ist zudem ein willkommenes soziales Instrument.

 Im Idealfall würde die Gesellschaft für die Familie so aussehen:

  • eine absolut loyale und nie widersprechende Basis,
  • eine arbeitslose Bourgeoisie, immer auf der Hut geschröpft zu werden,
  • eine nicht überlebensfähige Opposition, die man der „zivilisierten“ Welt vorführen kann und,
  • ein zahmes, völlig degradiertes Vieh anstelle der Bevölkerung.

 

Menschen sind für das Unternehmen nur Verschleißteile. Es findet sich immer die notwendige Zahl prinzipienloser Karrieristen, die bereit sind, auf Knien nach oben zu rutschen und die leeren Plätze in den Reihen der herrschenden Klasse zu füllen. Dafür bedarf es nur einer gewissen Ausbildung und des Abschieds vom eigenen Gewissen. Der Rest im Staat kann getrost degradieren oder emigrieren…

Ihar Alinevich wurde am 27.5.2011 wegen Sachbeschädigung und Hooliganismus zu 8 Jahren Haft verschärften Regimes verurteilt. Menschenrechtsorganisationen betrachten ihn wegen eines zweifelhaften Gerichtsverfahrens und der unverhältnismäßigen Strafe als politischen Gefangenen.

 

Quelle: revbel.org

15. März 2013

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