Church of St. Simon and Alena on Independence Square in Minsk on the background of a fountain

Warum Belarus

Minsk ist nur wenig mehr als 1000 km von Berlin entfernt, und dennoch ist Belarus für viele noch immer ein unbekanntes Land. Geringes Wissen, fehlende persönliche Kontakte sowie manche negative Schlagzeilen führten in den vergangenen Jahren häufig zu Stereotypen über das Land und seine Menschen. Dabei hat Belarus eine lange und reiche Geschichte in der Mitte Europas, im Schnittpunkt von Kulturen und Religion.

Das belarussische Territorium war über Jahrhunderte Teil anderer Staatsbildungen oder Imperien wie des Großfürstentums Litauen (13.-18. Jh.), des Königreichs Polen, der Rzeczpospolita (16.-18.Jh.), des Russischen Zarenreichs (18.-20. Jh.) und der Sowjetunion (20. Jh.). Der belarussische Nationalgedanke, eine belarussische Literatur und Geschichtsschreibung entstanden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Im März 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erfolgte die Deklaration der kurzlebigen Belarussischen Volksrepublik (bel.: BNR). Erst mit der Auflösung der Sowjetunion erhielt die belarussische Bevölkerung erneut die Möglichkeit, einen eigenen Nationalstaat zu bilden.

Die Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 führte zu internationalen politischen Kontakten, darunter auch zu Deutschland oder der Europäischen Union. Die Beziehungen mit den westlichen Staaten entwickelten sich zunächst positiv. Eine zentrale Grundlage hierfür bildeten die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Tschernobyl-Initiativen, die seit Ende der 1980er Jahre in vielen europäischen Ländern zur Unterstützung der betroffenen Menschen in den verstrahlten Gebieten von Belarus entstanden waren. Mit dem umstrittenen Verfassungsreferendum, durch das der 1994 gewählte Präsident Aljaksandr Lukaschenka die Gewaltenteilung in Belarus in 1996 weitgehend aufhob, wurden die offiziellen Kontakte seitens der EU allerdings weitgehend eingefroren.

In Reaktion auf diese Kontaktsperre wurde 1997 die internationale Konferenz „Minsk Forum“ begründet. Das Format hat sich seither zu der zentralen Dialogveranstaltung im deutsch-belarussischen Verhältnis entwickelt. Die Konferenz diente der Aufrechterhaltung politischer, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Kontakte zwischen Belarus auf der einen und Deutschland und der EU auf der anderen Seite auch in schwierigen politischen Zeiten. Darüber hinaus trug sie dazu bei, dass die unterschiedlichen Akteure in Belarus – Nichtregierungsorganisationen, Regierung und Opposition – auf Augenhöhe miteinander sprechen konnten. Zwei Jahre später, im Sommer 1999, wurde die deutsch-belarussische gesellschaft e.V. (dbg) gegründet mit dem Ziel, das Spektrum der Projekte und Aktivitäten mit Belarus zu erweitern. Das Minsk Forum wurde künftig durch die dbg organisiert und zu ihrer zentralen Veranstaltung.

Seitdem hat sich die Dynamik der deutsch-belarussischen Beziehungen mehrfach verändert und dabei unterschiedliche Höhen und Tiefen durchlaufen. Der dbg war es stets ein Anliegen, Projekte mit Belarus umzusetzen und so zur internationalen Verständigung und Versöhnung beizutragen.


Foto: dbg / Arkadi Bulva, 2016, shutterstock.com