17. September – ein umstrittener Tag in der Geschichte von Belarus

Belarus

„Tag der nationalen Einheit“ oder Tag der sowjetischen Besetzung – ein kontroverses Datum, dass für die widersprüchliche und komplizierte Geschichte von Belarus im 20. Jahrhundert steht

Der 17. September wird vom Regime Aljaksandr Lukaschenkas als „Tag der Nationalen Einheit“ begangen. Seit 2021 soll er an die Vereinigung der westbelarusischen Gebiete mit der bereits als Teil der Sowjetunion bestehenden Belarusischen SSR erinnern. Der 17. September 1939 markiert jedoch zugleich den Beginn der völkerrechtswidrigen sowjetischen Besetzung eines international anerkannten Teils Polens.


Am 1. September 1939 überfiel das nationalsozialistische Deutschland Polen. Sechzehn Tage später marschierte die Rote Armee von Osten in Polen ein und setzte damit die geheimen Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Paktes über die Aufteilung Polens um. Zu den besetzten Gebieten gehörte der westliche Teil des belarusischen Siedlungsgebietes, der seit dem Frieden von Riga von 1921 zu Polen gehört hatte. In den folgenden Monaten wurden diese Gebiete in die Sowjetunion eingegliedert. Es folgten Verstaatlichungen, politische Verfolgung und Deportationen. Zehntausende Menschen wurden 1940 und 1941 nach Sibirien und in andere entlegene Regionen der Sowjetunion deportiert.

Die sowjetische Propaganda stellte die angebliche Unterdrückung der Belarusen in Polen als Rechtfertigung für den Einmarsch und die Annexion dar. Die 20 Jahre polnischer Herrschaft in Westbelarus waren tatsächlich keineswegs konfliktfrei. Die belarusische Mehrheitsbevölkerung war mit nationaler Diskriminierung und einer zunehmend assimilationistischen Politik konfrontiert. Die polnischen Behörden lehnten eine belarusische territoriale Autonomie ab und gingen in den 1930er Jahren gegen belarusische politische und gesellschaftliche Organisationen vor. Bereits der Frieden von Riga hatte die belarusischen Gebiete zwischen Polen und Sowjetrussland geteilt, ohne den Belarusen eine eigenständige Entscheidung über ihre staatliche Zukunft zu ermöglichen und ohne die 1918 ausgerufene Weißruthenische Volksrepublik zu berücksichtigen.

Dennoch wäre es historisch nicht haltbar, die polnische Herrschaft mit dem sowjetischen System gleichzusetzen. Belarusische Politiker, die für eine Autonomie eintraten, waren im polnischen Parlament vertreten, und trotz erheblicher Einschränkungen bestanden unabhängige belarusische politische, kulturelle und gesellschaftliche Organisationen fort. Die sowjetische Herrschaft bedeutete dagegen die Eingliederung in ein totalitäres System, das politische Gegner systematisch verfolgte und in der BSSR mit Terror, Zwangskollektivierung, Hungersnot und weitreichender Russifizierung verbunden war.

Die Vereinigung von 1939 beendete für viele Belarusen tatsächlich die seit dem Frieden von Riga bestehende Teilung und führte große Teile des belarusischen Siedlungsgebietes wieder in einem politischen Raum zusammen. Dies geschah jedoch durch die militärische Besetzung Polens im Rahmen der Vereinbarungen zwischen Hitler und Stalin und wurde von der repressiven Herrschaft der stalinistischen Sowjetunion begleitet.

Heute wird dieser widersprüchliche historische Vorgang vom Lukaschenka-Regime politisch instrumentalisiert. Die Einführung des „Tages der Nationalen Einheit“ fiel in eine Phase, in der sich die Beziehungen zu Polen nach der Niederschlagung der demokratischen Proteste von 2020 drastisch verschlechtert hatten. Der 17. September dient seither auch der Verbreitung eines Geschichtsbildes, in dem Polen als historischer Gegner und Russland beziehungsweise die Sowjetunion als Schutzmacht der Belarusen erscheinen.

Für die deutsch-belarusische gesellschaft ist der 17. September daher ein Anlass, die widersprüchliche Geschichte des 20. Jahrhunderts jenseits vereinfachender nationaler Narrative zu betrachten. Die Geschichte von Belarus lässt sich weder auf eine russisch-sowjetische noch auf eine polnische Perspektive reduzieren. Sie ist die Geschichte der Belarusen selbst – einschließlich der schwierigen und bis heute politisch umkämpften Frage, was der 17. September 1939 für sie bedeutete.