General Pawel Wendt – ein deutschstämmiger Offizier im Dienst der ersten belarusischen Republik
1918-1919 arbeitete er an der Organisation der Streitkräfte der Weißruthenischen Volksrepublik und vertrat deren Interessen gegenüber den alliierten Streitkräften
Am 17. Juni 1880 (nach anderen Angaben 1883) wurde Pawel Wendt (Pavel Vent, Павел Фёдорович Вендт, Павал Вэнт) geboren – ein Offizier deutscher Herkunft, der zu den bemerkenswerten, heute jedoch weitgehend vergessenen Persönlichkeiten der frühen belarusischen Unabhängigkeitsbewegung gehört.
Wendt entstammte einer russifizierten Familie deutscher Herkunft. Sein Vater diente als Offizier in der Armee des Russischen Kaiserreichs. Nach dem Besuch des 3. Kadettenkorps in Moskau absolvierte er mehrere militärische Fachschulen und die Generalstabsakademie. Während des Russisch-Japanischen Krieges sowie im Ersten Weltkrieg diente er in verschiedenen Artillerie- und Stabsfunktionen und gehörte zu den gut ausgebildeten Offizieren des Russischen Reiches.
Nach dem Zusammenbruch des Imperiums und den Wirren der Revolution kehrte sich Wendt der belarusischen Nationalbewegung zu. Im November 1918 entsandte ihn die Regierung der im März ihre Unabhängigkeit erklärte Weißruthenischen Volksrepublik (BNR) als Chef des Generalstabs nach Kyjiw, um die militärische Lage zu sondieren und den Aufbau belarusischer Streitkräfte voranzutreiben.
Besonders aktiv wurde Wendt anschließend in Odesa, wo er im Auftrag der Regierung der BNR an der Organisation belarusischer militärischer Verbände arbeitete. Gemeinsam mit dem belarusischen Konsul Ściapan Niekraševič vertrat er die Interessen der jungen Republik gegenüber den alliierten Streitkräften. Nach Gesprächen mit dem französischen General Henri Berthelot erhielten die Belarusen die Genehmigung zur Bildung einer belarusischen Division. Wendt spielte dabei eine zentrale Rolle und wurde 1919 zum Generalmajor ernannt.
Auch nach dem Scheitern dieser Bemühungen blieb er mit den diplomatischen und militärischen Strukturen der BNR verbunden. Er wirkte als Berater belarusischer Vertretungen in Paris, Berlin sowie im Baltikum und beteiligte sich an den internationalen Bemühungen um die Anerkennung der Weißruthenischen Volksrepublik.
In den 1920er Jahren trat Wendt in die Armee der Tschechoslowakei ein, wo er bis zum Rang eines Oberstleutnants des Generalstabs aufstieg. Nach seiner Pensionierung lebte er in der Slowakei und später in Prag. Auch dort blieb er mit der belarusischen Emigration verbunden und engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs in belarusischen Organisationen.
Pawel Wendt starb 1971 in Prag und wurde auf dem historischen Vyšehrad-Friedhof beigesetzt.
Seine Biographie verdeutlicht die multikulturelle Dimension der belarusischen Unabhängigkeitsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, als Menschen unterschiedlicher Herkunft – darunter auch Belarus-Deutsche – am Versuch des Aufbaus einer unabhängigen belarusischen Republik beteiligt waren.