Die belarusische Lateinschrift: Ein unterschätztes Kapitel europäischer Sprachgeschichte
Die „Łacinka“ bleibt als Zeugnis der historischen Vielschichtigkeit von Belarus, als Erinnerung an alternative Entwicklungspfade und als Ausdruck einer europäischen Sprachtradition jenseits politischer Vorgaben.
Die letzte Woche des Monats Januar wurde von belarusischen Sprachaktivisten lange Zeit als Woche des belarusischen lateinischen Alphabets begangen. Dieses Gedenken erinnert daran, dass die belarusische Sprache nicht nur über eine kyrillische, sondern auch über eine lateinische Schrifttradition verfügt – eine Tatsache, die außerhalb Belarus’ wenig bekannt ist, für das kulturelle Selbstverständnis des Landes jedoch von großer Bedeutung bleibt.
Zwischen Kyrillisch und Latein: ein historischer Überblick
Heute verwendet die belarusische Sprache offiziell ausschließlich das kyrillische Alphabet. Historisch betrachtet war dies jedoch nicht immer der einzige Weg ihrer schriftlichen Fixierung.
Die mittelalterliche belarusische Sprache – das sogenannte Ruthenische, der direkte Vorläufer des heutigen Belarusischen und Ukrainischen – wurde im Großfürstentum Litauen überwiegend in kyrillischer Schrift geschrieben. Diese Schrifttradition war eng mit Verwaltung, Recht und kirchlichem Leben verbunden und erreichte ihren Höhepunkt im 15. und 16. Jahrhundert.
Mit der zunehmenden Verbreitung der polnischen Sprache und später der Eingliederung der belarusischen Gebiete in das Russische Imperium kam diese alte Schriftkultur jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahezu vollständig zum Erliegen. Das Ruthenische verschwand als Amts- und Schriftsprache – und mit ihm auch eine jahrhundertealte schriftliche Kontinuität.
Die Entstehung der modernen belarusischen Schriftsprache im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert begann die Formierung der modernen belarusischen Schriftsprache – nicht aus einer fortbestehenden schriftlichen Tradition heraus, sondern vielmehr aus der gesprochenen Volkssprache. Eine zentrale Rolle spielten dabei lokale Adlige und Intellektuelle, die meist polnischsprachig und polnisch ausgebildet waren. Sie begannen, belarusische Volkslieder, Märchen und Erzählungen aufzuzeichnen und wissenschaftlich zu erforschen.
Naheliegenderweise wurde diese Sprache zunächst mit lateinischen Buchstaben nach polnischem Vorbild verschriftlicht. Um einen spezifisch belarusischen Laut wiederzugeben, wurde dabei der charakteristische Buchstabe Ŭ eingeführt – ein bis heute zentrales Element der belarusischen Orthographie.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das belarusische lateinische Alphabet weiter systematisiert: Die Buchstaben Č, Š und Ž, angelehnt an tschechische und baltische Schriftsysteme, kamen hinzu. Damit erhielt diese Schreibweise eine klarere, eigenständige und konsistente Form. In der belarusischen Tradition wird sie informell auch als „Lacinka“ bezeichnet.

Wiederbelebung und offizieller Status
Während der Perestroika-Zeit in den späten 1980er Jahren wurde die belarusische Lateinschrift von Vertretern der belarusischen nationalen Wiedergeburt bewusst wiederbelebt. Sie galt vielen als Symbol kultureller Offenheit, europäischer Anschlussfähigkeit und sprachlicher Selbstbestimmung.
Im Jahr 2000 wurde eine leicht modifizierte Version des klassischen belarusischen lateinischen Alphabets offiziell als staatlicher Transliterationsstandard verabschiedet. Dieser Standard blieb – zumindest formal – bis 2023 in Kraft. In der Praxis wurde er jedoch von der autoritären Regierung Aljaksandr Lukaschenkas kaum angewendet, da diese konsequent an die russifizierenden Sprachpolitiken der Sowjetzeit anknüpfte.

Die belarusische Lateinschrift heute
Heute wird die belarusische Lateinschrift von Belarusisch-Sprechern weniger aktiv genutzt als in den 1990er- und 2000er-Jahren. Dennoch bleibt sie ein wichtiges linguistisches und kulturelles Artefakt: als Zeugnis der historischen Vielschichtigkeit Belarus’, als Erinnerung an alternative Entwicklungspfade und als Ausdruck einer europäischen Sprachtradition jenseits politischer Vorgaben.
Die belarusische Lateinschrift steht dabei nicht in Konkurrenz zur kyrillischen Schrift, sondern ergänzt sie als historischer und kultureller Bezugspunkt. Sie erinnert daran, dass belarusische Identität stets plural, offen und historisch gewachsen war.
