In memoriam Piotra Sadoŭski – erster Botschafter der Republik Belarus in Deutschland

Sadoŭski legte den Grundstein für den diplomatischen Dialog zwischen Belarus und Deutschland

Mit großer Trauer hat die deutsch-belarusische gesellschaft (dbg) vom Tod von Piotra Sadoŭski erfahren. Mit ihm verliert Belarus einen herausragenden Sprachwissenschaftler, Politiker und Diplomaten sowie einen entschiedenen Verfechter der belarusischen Sprache, Kultur und staatlichen Unabhängigkeit. Als erster Botschafter der Republik Belarus in der Bundesrepublik Deutschland prägte Sadoŭski die deutsch-belarusischen Beziehungen in einer Zeit des politischen Aufbruchs entscheidend und legte den Grundstein für den diplomatischen Dialog zwischen beiden Ländern.

Piotra Sadoŭski wurde am 2. Februar 1941 im Rajon Polack geboren. Er studierte Philologie und arbeitete zunächst als Sprachwissenschaftler, Hochschullehrer und Übersetzer. Während der Perestroika engagierte er sich für die belarusische Sprache und die nationale Wiedergeburt. Als Mitbegründer der Belarusischen Volksfront gehörte er zu den prägenden Persönlichkeiten der belarusischen Demokratiebewegung. 1990 wurde er in den Obersten Sowjet der Belarusischen SSR gewählt und leitete dort den Ausschuss für internationale Angelegenheiten und außenwirtschaftliche Beziehungen. In dieser Funktion war er maßgeblich am außenpolitischen Aufbau des neu unabhängigen Belarus beteiligt.

1992 wurde Sadoŭski zum ersten Botschafter der Republik Belarus in Deutschland ernannt. In einer Phase, in der die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern gerade erst aufgebaut wurden, errichtete er die belarusische Botschaft in Deutschland und trug wesentlich dazu bei, politische, gesellschaftliche und kulturelle Kontakte zwischen Deutschland und Belarus zu entwickeln.

Piotra Sadoŭski mit Hans-Dietrich Genscher

Auch nach dem Machtantritt Aliaksandr Lukaschenkas blieb Sadoŭski seinen demokratischen Überzeugungen treu. Im April 1995 gehörte er zu den Abgeordneten der Belarusischen Volksfront, die aus Protest gegen das von Lukaschenka initiierte Referendum, das von zahlreichen Beobachtern als rechtswidrig sowie als weder frei noch fair bewertet wurde, im Parlament in den Hungerstreik traten. Das Referendum verfolgte das Ziel, die Stellung des Präsidenten gegenüber dem Parlament zu stärken, die Integration mit Russland voranzutreiben, die Stellung der belarusischen Sprache zu schwächen und die historischen Staatssymbole durch modifizierte sowjetische Symbole zu ersetzen. Der Protest wurde in der Nacht gewaltsam beendet, was heute als ein Wendepunkt in der Entwicklung des autoritären Regimes in Belarus gilt.

Hunger strike by members of the Parliament of Belarus protesting against the referendum of 1995
Hungerstreik im belarusischen Parlament, April 1995

In den folgenden Jahrzehnten setzte sich Piotra Sadoŭski weiterhin für Demokratie, Menschenrechte, die belarusische Sprache und die Unabhängigkeit seines Landes ein. Für seine Verdienste wurde er 2018 mit der Medaille zum 100. Jahrestag der Weißruthenischen Volksrepublik ausgezeichnet.

Für die deutsch-belarusische gesellschaft bleibt Piotra Sadoŭski vor allem als Brückenbauer zwischen Deutschland und Belarus in Erinnerung. Sein Engagement für den deutsch-belarusischen Dialog und seine Verdienste um ein freies und demokratisches Belarus werden unvergessen bleiben.

Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freunden sowie allen, die ihm verbunden waren.