85 Jahre deutscher Überfall auf die Sowjetunion: Erinnerung an die Opfer in Belarus

Belarus

Mehr als ein Viertel der Bevölkerung des Landes kam im Krieg ums Leben. Nur wenige europäische Länder mussten vergleichbare Verluste erleiden

Am 22. Juni 1941 begann mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion einer der verheerendsten Abschnitte des Zweiten Weltkriegs. Für Belarus markierte dieser Tag den Beginn von mehr als drei Jahren deutscher Besatzung, Terrorherrschaft und beispielloser Zerstörung.

Belarus war unter den ersten Regionen der Sowjetunion, die in großem Umfang von den deutschen Truppen besetzt wurden. Was folgte, war eine Katastrophe historischen Ausmaßes. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung des Landes kam im Krieg ums Leben. Nur wenige europäische Länder mussten vergleichbare Verluste erleiden. Tausende Dörfer wurden zerstört, ganze Landstriche verwüstet, Hunderttausende Menschen verschleppt oder ermordet. Besonders schwer traf die deutsche Besatzung die jüdische Bevölkerung des Landes. Die über Jahrhunderte gewachsene jüdische Kultur und Gemeinschaft Belarus’ wurde nahezu vollständig vernichtet.

Der deutsche Vernichtungskrieg hinterließ tiefe Wunden, die bis heute nachwirken. Die Erinnerung an die Opfer verpflichtet uns, die historischen Tatsachen zu benennen und die Verantwortung Deutschlands anzuerkennen. Wie die deutsch-belarusische gesellschaft bereits anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung von Belarus erklärte: „Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland stehen in der bleibenden Verantwortung für die Folgen dieser von Deutschen in unserem Nachbarland begangenen Verbrechen.“

Gleichzeitig gehört zur historischen Wahrheit auch, dass die Befreiung von der deutschen Besatzung dem Land keine Freiheit brachte. Nach dem Ende des Krieges blieb Belarus Teil der Sowjetunion und damit eines Systems, das politische Repression, Zensur und die Unterdrückung nationaler Eigenständigkeit fortsetzte. Die Erinnerung an den Krieg wurde über Jahrzehnte von den sowjetischen Machthabern instrumentalisiert. Bis heute missbrauchen die Regime von Aliaksandr Lukaschenka und Wladimir Putin die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und den Mythos des „Großen Vaterländischen Krieges“, um autoritäre Herrschaft zu legitimieren, Feindbilder zu schaffen und Misstrauen gegenüber den demokratischen Staaten Europas zu schüren.

Gerade deshalb ist eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur wichtig. Sie darf weder die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren noch die spätere Unterdrückung durch das sowjetische System verschweigen. Sie muss den Menschen und ihrem Schicksal gerecht werden.

Für die deutsch-belarusische gesellschaft bleibt die Erinnerung an den 22. Juni 1941 daher untrennbar mit einer Verantwortung für die Gegenwart verbunden. Aus dem Bewusstsein der historischen Schuld erwächst die Verpflichtung, Belarus auf seinem Weg zu Freiheit, Demokratie und europäischer Integration zu unterstützen. Wir erinnern an die Millionen Opfer des Krieges und bekräftigen unsere Überzeugung, dass Belarus seinen Platz als freies, demokratisches und europäisches Land einnehmen wird.